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Rezension: Tokyo Decadence

Auf der Suche nach der großen Liebe
oder: Wie man einen Film durch den Schnitt in sein Gegenteil verkehren kann

Ich kannte Tokyo Decadence -- oder vielmehr dachte ich, daß ich es kannte. Denn nachdem ich es ungeschnitten gesehen habe, betrachte ich diesen Film endlich als ein Kunstwerk.

Ai ist Prostituierte und arbeitet für eine Agentur, die ausgefallene Wünsche erfüllt. Als Japans Antwort auf Alice im Wunderland bewegt sie sich durch ein Panoptikum der Rollenspiele. Mal muß sie sich auf Befehl eines obskuren Geschäftsmannes im Fenster eines Hochhauses lüstern bewegen, bis sie fühlt, was sie tut; dann wieder beteiligt sie sich an einer Strangulation, die den Kunden fast endgültig ins Reich der geilen Träume schickt. Grotesk, bedrohlich und auch gelegentlich komisch sind die Szenen, in die es sie verschlägt. Drogen werden von ihrer dominanten Kollegin wahllos konsumiert, und sie hält mit, soweit es sich mit ihrer Schulmädchen-Artigkeit verträgt, nachdem sie einmal gegen ihren Willen angefixt ist. Kindlich glaubt sie dennoch an die Voraussagen einer Hellseherin und an die Wiederbegegnung mit ihrer großen Liebe.

Der Autor Ryu Murakami, ein anderer als der Romanautor gleichen Namens, läßt seine Heldin in der Schlußsequenz durch ein Villenviertel stolpern, den Kontakt mit der Realität verlieren und ihren Traum vom bürgerlichen Leben aufgeben. Ihr Designerkleid mit den barocken Schuhchen mutiert zum Harlekinkostüm einer grotesk scheiternden tragischen Figur.
In der geschnittenen Version mußte man denken, es sei ihre Desorientiertheit, die aus dem Leben am Rande von Drogen und extremem Sex entstanden ist.

Tatsächlich wirft das dumme Ding beim Aufbruch zu ihrer Suche nach dem Geliebten eine Pille, die sie von ihrer zugedröhnten Kollegin bekommen hat. Sie stolpert auf dem Weg, ihre Rotweinflasche, die sie als Geschenk mitbringen wollte, zerbricht und tränkt ihr Kleid. Ihr Versuch, ins obere Stockwerk der Villa ihres Freundes einzusteigen, endet mit einem weiteren Sturz und trägt ihr die Aufmerksamkeit der Polizei ein. Die Beamten halten sie für betrunken. Sie hört nicht nur imaginäre Dampfer tuten, ich glaubte schon, sie würde imaginäre Personen treffen, und tatsächlich läßt der Filmmacher uns im Unklaren, was Ai in der nächtlichen Parkszene sieht. Ist der Geliebte wirklich da, verzichtet sie nun doch darauf, den Kontakt aufzunehmen? Ihr Vorhaben floppt auf der ganzen Linie.
Womit aber scheitert sie? Ist es ihr Versuch, sich als Hure im SM-Milieu zu behaupten?

Nein, ich glaube eher, der Rückweg in die Unschuld ist ihr verwehrt. Nach diesem Rückschlag ergreift sie wieder ihre rote Tasche und macht sich bereit, aufs neue ihre Kunden zu besuchen. Nicht ihre Tätigkeit als Rollenspielerin in SM-Settings ist gescheitert -- denn dort bekommt sie Lob und Honorare --, sondern ihr bürgerlicher Traum vom Geliebten in der grünen Vorstadt erweist sich als nicht realisierbar; das macht nur der Director's Cut des Films klar.
Sicher wundern sich einige Zuschauer über die eigenartige Dramaturgie. Im letzten Drittel des Films gibt es kaum noch SM zu besichtigen. Mehr und mehr geht es um das Seelendrama der Heldin. Antonionis Blow Up läßt grüßen. Man kann und man sollte von diesem Film weniger als von einem reinen Erotikfilm erwarten -- und auch viel mehr.